reingeschlüpft

Psychologiestudium Klappe die 2.

Hallo ihr Lieben,

ich bin wieder da, zumindest wieder mehr zurück, ich war schließlich nie ganz weg aber schon irgendwie weg aus dem normalen Leben.

Die letzten zwei Monate haben mich arg an meine Grenzen gebracht und auch wenn ich gestern meine letzte von drei Klausuren (das klingt so wenig, hm?) hinter mich gebracht habe, bin ich heute noch weit weg vom Zustand der Entspannung. Mein Kopf platzt, ich bin unglaublich müde, aber auch in gewissem Maß erleichtert und einfach nur froh, meinen heutigen Tag mit Sinnlosigkeiten wie dem Bachelor, Germanys next Topmodel und weiterem Kram zu verbringen, bei dem andere nur den Kopf schütteln.

Viele von euch interessierten sich damals für mein Psychologiestudium und da der Beitrag schon ein Jahr her ist, denke ich, dass es an der Zeit ein paar neue Gedanken dazu einzustreuen.

„Krass? Psychologie? Wow, das soll ja total schwer sein.“

Gleich vorweg: ich bin immer noch unglaublich glücklich und zufrieden und kann nur betonen: es ist genau mein Ding. Ich empfinde alles als unglaublich interessant (nicht mehr, wenn ich seit 3 Wochen jeden Tag 10 Stunden über dem Stoff hänge, aber ich denke, dass das jeder nachvollziehen kann) und den Stoff auch nicht als unglaublich schwer. Jeder der mich fragt was ich gerade mache und ich antworte „ich studiere Psychologie“ zieht erstmal die Augenbrauen hoch und sagt „Wow, krass. Das ist aber ganz schön schwer, oder?“.

Vermutlich kommt der Gedanke daher, dass das Studium mit einem enorm hohen NC angesetzt ist und natürlich hauptsächlich „die Besten der Besten“ die Chance haben Psychologie zu studieren. Wenn man dann weiß, dass nur diese überhaupt das Studium antreten können, schlussfolgert man vielleicht, dass das nur schwer sein kann. Der NC hat aber gar nichts mit dem Schweregrad des Studiums zu tun sondern nur mit 1. der Beliebtheit und 2. mit dem Druck, der im Studium entsteht. Der Vergleichsdruck, der „die anderen haben ein Abi von 1,2, die werden alle super Noten schreiben“-Druck.

Mein Abi war nicht gut, 2,6 kann ich euch ganz offen sagen. Ich habe damals wenig investiert und im Nachhinein (darf man das in unserer heutigen Leistungsgesellschaft überhaupt so sagen?) war das aber auch vollkommen okay so und ich habe mir so noch ein paar unbeschwerte Jahre vor dem jetzigen „Supergau“ geschenkt. Denn letztendlich niemand hat je nach meiner Abinote gefragt, aber ja, da hatte ich natürlich auch einfach Glück.

Jetzt ist das anders. Gerade im Psychologiestudium ist der Run auf die Masterplätze extrem. Kaum eine meiner Freundinnen (außerhalb des Psychologiestudiums) kann verstehen, dass ich bei einer 2,0 enttäuscht bin und das ist meiner Meinung nach der schlimmste Druck und Stressfaktor im Studium. Man geht nicht in eine Klausur und hofft und bangt, dass man besteht, wie das vielleicht in vielen anderen Studiengängen ist. Man geht in die Klausur und fragt sich „reicht es für eine 1,x?“ und wenn man das Gefühl hat, dass die nicht raus kommen wird, will man nicht antreten. Weil die Masterplätze Mangelware sind um man mit einem Schnitt über 1,8 schon seine Probleme haben kann.

Hier möchte ich noch auf die Angst vieler eingehen, die vielleicht mit einem „nicht so guten Abi“ ins Studium gehen: keine Sorge. Was ich erlebe ist, dass man als „Nichtsuperabiturient“ eher Vorteile mitbringt, wenn man sich wirklich für das Fach interessiert. Nämlich, dass man gute Noten nicht als selbstverständlich ansieht. Das was ich erlebe ist: diejenigen, die eher ein schlechtes Abi hatten sind plötzlich sehr sehr gut, weil sie das Studium wirklich wollen und Ehrgeiz entwickelt haben und somit wissen, dass sie etwas dafür tun müssen. Und diejenigen, die in der Schule wenig für ihre Noten arbeiten mussten und sich nun wundern und nicht darauf eingestellt haben, dass ein Studium doch ein anderes Pensum und nicht mehr die Selbstverständlichkeit guter Noten mit sich bringt, wie es die Schule noch getan hat. Ich gehöre auch zum Typ 1 (wer hätte das gedacht) und bin sehr glücklich zu sehen, dass ich den anderen tatsächlich nicht unterlegen bin, was man am Anfang – das gebe ich offen zu – trotzdem irgendwie gedacht hat.

Nochmal zum Master: Es geht dabei meistens auch nicht mehr nach Wartezeiten. Wenn man Glück hat, kann man seine Bachelornote noch durch ein Auswahlverfahren oder bestimmte Praktika oder Hiwijobs aufpolieren. Aber wenn man einmal einen „zu schlechten“ Abschluss hat, dann stehen die Chancen nicht gut irgendwann noch einmal einen zu erhaschen. Denn es strömen auch in den nächsten Jahren immer weitere Bachelorabsolventen mit immer besseren Abschlüssen auf den Mastermarkt, mit denen man dann weiterhin konkurrieren muss.

Und ohne einen Masterabschluss ist ein Psychologiestudent nichts. Ich habe gelesen, dass man Glück haben kann, wenn man z.B. in der Jugendhilfe einen Job bekommen kann, doch das dürfte für die wenigsten Psychologiestudenten das endgültige Ziel sein. Klar, Privatunis bieten Abhilfe, aber wer kann schon mal jeden Monat 650€ Studiengebühren bezahlen? Das dürfte den meisten verwehrt bleiben. Gerade mit dem Hintergrund, dass viele auch anstreben werden danach die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten zu machen, die ebenfalls über 10.000€ kosten wird. Verschuldet in eine erneute Verschuldung zu starten dürfte den Glanz in den Augen vieler trüben, sofern man – anders als ein Arzt z.B., der vor Praxiseröffnung natürlich auch hohe Schulen auf sich nehmen muss – a) danach nicht einmal die Sicherheit hat eine Praxis eröffnen zu dürfen und (die Wahrscheinlichkeit ist sogar sehr gering) und b) auch nicht so viel verdienen wird, dass man mit einem guten Gewissen sagen kann, dass die Schulden ohnehin  schnell beglichen sein werden.

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Und dieser Druck, das 10-jährige Vorausgeplane, die Zukunftsängste, das „was, wenn etwas nicht klappt?“ macht für mich das Psychologiestudium unglaublich belastend. Ich möchte mich nicht beschweren, denn ich will das und ich habe mich freiwillig dafür entschieden und ich genieße auch die 4 Monate Semesterferien im Jahr und weiß diese im Gegensatz zum Berufsalltag auch wirklich zu schätzen. In diesen Zeiten hänge ich auch viel rum, bin eine Potatoe und sage am Ende des Tages auch gerne stolz, dass ich nichts gemacht habe, außer mich vom Kühlschrank zum Bett und manchmal noch zum Klo zu bewegen. Aber dennoch gibt es insgesamt 6 Monate im Jahr, in denen ich nahezu jeden Tag, also 7 Tage die Woche, nicht nur 5, 10 Stunden am Tag lernen muss. Und man abends nicht entspannt ab 18 Uhr auf dem Sofa liegt und sich denkt „ach, für heute ist’s genug“. Die permanente Anspannung ist einfach da, aber natürlich auch in anderen Studiengängen.

Jetzt noch einmal zum „Schweregrad“ des Studiums: schwierig macht es die Menge. Für mich ist der Stoff selbst relativ leicht zu verstehen und nachzuvollziehen. Klar, einige Fächer müssen mehr recherchiert werden als andere, aber gemein haben sie meistens, dass die Stoffmenge einfach enorm ist und vor allem: man nicht zusammenfassen kann. Viele Freunde von mir schauen mich mit großen Augen an, wenn ich sage, dass unsere „Zusammenfassungen“ immer noch 120 Seiten haben. „Das ist doch keine Zusammenfassung!“ sagen sie, „wenn ich ein Fach zusammenfasse hat die 30 Seiten!“. Hier handelt es sich und das sollte jeder wissen, der Psychologie studiert, um ein nahezu reines „Auswendiglernfach“. Je nach hustAltklausurenhust und Material der Dozenten kann man vielleicht sehen, dass er nicht von jedem Punkt die einzelnen Korrelationen abfragen wird, aber dennoch verkürzt sich das Material nicht wirklich. Deswegen spare ich mir mittlerweile die Mühe irgendwas „zusammenfassen“ zu wollen, denn das ist nur unnötige Schreib-/Tipparbeit und am Ende bleibt die Menge an Stoff gleich.

Vor zwei Tagen hatte ich eine nette Begegnung in der Bahn, als ich in meine Studienstadt zurück fuhr und meinen 30cm hohen Stapel an Stoff wiederholte, bei der mir ein Mädchen neben mir erzählte, dass sie in ihrem Studium jedes Semester 8 oder 9 Prüfungen schreibt. Sofort fühlte ich mich schlecht und dachte „wow, und du meckerst wegen 3 Prüfungen“, aber letztendlich denke ich, dass diese Prüfungen nicht so umfangreich sein können wie die unsere. Also, das wäre unmenschlich oder diejenigen wären übermenschlich. Damit möchte ich nichts auf- oder abwerten, sondern nur verdeutlichen, dass der Stoff für eine Klausur im Psychologiestudium sehr sehr umfangreich ist.

„Your story is unique and so so different
and NOT worthy of comparison“

Lange Rede kurzer Sinn: ein Psychologiestudium erfordert Willen und Durchhaltevermögen. Es ist nicht so, dass einen der Stoff an sich an seine Grenzen bringt, wie viele vielleicht glauben mögen. Es ist viel mehr das Drumherum. Wie sehr kann man sich von dem „allgemeinen Druck“ befreien, wie sehr folgt man seinem eigenen Tempo? Hat man die Disziplin sich den ganzen Stoff ins Hirn zu prügeln und die Kraft das über einen längeren Zeitraum zu tun?

Es hängt sehr viel von der eigenen Persönlichkeit ab. Ich habe eine Freundin, die gerade Psychologie im Master studiert, die das alles wesentlich lockerer sehen kann als ich. Die es schafft, nebenbei zu leben, ihre Hobbys nicht zu vergessen (gut, ich habe eigentlich keine Nennenswerten, aber Freizeit wäre auch schön) und die sich nicht so viele Gedanken über ihre Noten gemacht hat und dennoch im Master studiert. Von diesen Menschen gibt es auch einige (wenige) im Studium und für viele wird es dennoch gut ausgehen, da bin ich mir sicher. Aber ich bin charakterlich einfach überhaupt nicht so. Ich überdenke, zerdenke, hinterfrage. Ich kann nicht abschalten und für jemanden wie mich ist das wirklich hart. Aber so übt man sich selbst auch einmal darin, seine Grenzen zu erkennen und darin, dass man Wege finden muss, um mit dem Stress umzugehen.

Für mich war es dieses Semester ein wirklich schmerzhafter Prozess, ich habe viel geweint und gedacht, dass ich das alles nicht schaffe. Ich bin bei weitem kein Mensch, der unglaublich belastbar ist, aber ich will das hier so unglaublich dolle. Deswegen mache ich weiter und am Ende natürlich auch gerne. Auch, wenn es unglaublich viel gekostet hat. Es wird sich lohnen.

 

Und all das was ich gerade geschrieben habe, gilt mit Sicherheit auch für viele andere Studiengänge, bei denen es ähnlich ist. Ich kann aber natürlich nur von meinem berichten.

 

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Dieser Beitrag wurde am März 3, 2016 um 12:13 veröffentlicht. Er wurde unter Lifestyle abgelegt und ist mit , , , , getaggt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

2 Gedanken zu „Psychologiestudium Klappe die 2.

  1. Evi sagte am :

    Ich drück dir die Daumen, dass alles weiterhin so verläuft, wie du es gerne hättest! :-)

    Ich bin ebenfalls im sozialen Bereich tätig und auch bei uns war der Notenschnitt sehr, sehr wichtig – ich habe jahrelang darauf hingearbeitet, dass ich eine der Besten bin. Und das nicht nur im praktischen, sondern auch im theoretischen Teil meines Berufs.

    Daher kann ich sehr gut nachvollziehen, wie es dir geht.

    Weiterhin viel Glück! Und toll geschrieben, ich denke, jeder im weitesten Sinne mit dem Themenbereich zu tun hat, kann nachvollziehen, was in dir vorgeht.

    Alles Liebe,
    Evi

  2. Anny sagte am :

    Hey :)
    Ich kommentiere sonst nie, obwohl ich super viele Blogs lese. Aber diesen, wirklich super gut geschriebenen, Artikel von dir muss ich kommentieren, denn ich studiere ebenfalls Psychologie und kann dir bei JEDEM Wort absolut zustimmen ! Du beschreibst die Situation so treffend und 1:1, genauso empfinde ich das Studium.
    Ich liebe das Studium wirklich sehr, es ist super interessant. Aber in einigen Momenten hasse ich es, liege weinend im Bett und zweifel stark an meinen Kompetenzen, da es schon wieder „nur“ eine 2,0 wurde. In dieser Hinsicht ist das Studium hart, denn in meinem Umfeld wird der Druck und der finanzielle und zeitliche Aufwand total belächelt, denn Psycho verbindet man, im Gegensatz zu Medizin/Jura o.ä, nicht mit Prestige und hohem, wissenschaftlichen Standard, was ich persönlich super schade finde. Das, was man im Endeffekt an Gehalt bekommt, ist meiner Meinung nach eine Frechheit, wenn man das mit dem Aufwand im Studium gegengewichtet.
    Ich bin übrigens durch meine Abinote reingekommen; aber ich kann dir versichern, dass „uns“ 1er Abiturienten wirklich dieselben Sorgen planen. Am ersten Tag des Studiums wurde mir klar: „Hm nein, du bist sicher nicht „supidupi“ schlau und schafft das Studium mit links, nur weil die Schule so einfach war.“ Von dem Gedanken kann man sich direkt verabschieden, schließlich ist das Konzept des Studiums ein ganz anderes. Da gibt es nichts, was man auch nur ansatzweise mit den schulischen Anforderungen vergleichen kann.

    Ich wünsche dir wirklich alles alles gute für dein Studium, ein Platz im Master sollte dir nicht verwehrt bleiben ! Ich hoffe, dass das Bildungsministerium endlich mal die Augen öffnet und die Vergabe der Bachelor und Masterplätze reformiert, meines Wissens nach gibt es in kaum einem Studiengang so eine Ungerechtigkeit wie in der Psychologie. Der Master NC ist wirklich nicht fair.

    Liebe Grüße, Anny

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